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  Momente & Notizen: Die Reise der "Seamoon XIII" von Mallorca nach Miami und mein "Good-bye" zum touristischen Yachtsegeln

 Passion for Sail

Die Seamoon ist mein dreizehntes Boot. Sind Segler abergläubisch? Und ob! Hier vor Anker am Punta de l'Avancada bei Puerto Pollenca an der Nordost-Ecke von Mallorca, dem Startpunkt der Reise. Eine Windfahnensteuerung habe ich noch vor der Abfahrt montiert. Seamoon ist eine Island Packet 320, Länge 10m.

Die wunderschöne Steilküste beim Kap Formentor im Nordosten Mallorcas.

Blick nach Westen vom Kap Formentor.

Nach dem Aufbruch und dem Runden von Kap Formentor geht es an der Nordküste Mallorcas entlang und in den ein oder anderen Schauer hinein. Hier liegt bereits die spitze Felseninsel Dragonera voraus, wo es gerade etwas heftig zugeht.

Einige der glücklichsten Tage erleben wir an Bord, hier beim Blick zurück nach Mallorca nach dem Ablegen von Port Andratx mit Kurs Ibiza.

Es ist ein ungewöhnlich gewittriger Sommer. Seamoon segelt von Puerto Pollenca, Soller, St. Elmo, Port Andratx, St. Eulalia, Ibiza Stadt, Espalmador im Regen, aber trotzdem glücklich, und weiter nach Torrevieja, Aguilas, Garrucha, Genoveses und Almerimar.

The world is beautiful. It is an incredible luxury to travel over this world, to take a bus, a train or a plane  - or a boat, and move over land and sea, to cities with changing mentalities, food and feelings, go to the cafes for breakfast, look at all the people and at yourself, moving through all our lives, our each own existance, our brief stroll or interlude on this planet Earth, each of us fulfilling a fate whether given or self-made. If you ever had great losses in your life, if pain ever was so strong to give your soul tenderness (like Sade Adu says;) then a formerly vast sea will become like an ocean of love, the one you want to sail upon forever, and there will be nothing more meaningful than sharing this love... - thinking about life...

Gibraltar

Viermal einhand durch die Straße von Gibraltar - ein Rückblick


Vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1993, steuerte ich mit meiner fünf Meter kleinen Leisure 17 namens Mer II zum ersten Mal in die berühmte Meerenge zwischen Europa und Afrika. Bereits einen Monat zuvor war ich in Genua gestartet und über die Balearen immer weiter nach Westen Richtung Atlantik gesegelt, denn ich wollte mit dem kleinen Boot auf "große Fahrt“ gehen und zum ersten Mal den Atlantik erreichen. Eines Morgens, kurz nach Sonnenaufgang, tauchte der "Felsen“ imposant vor dem Bug auf. Ich hatte damals keine Ahnung, was mich dort erwartete.

Die letzte Nacht auf See war wunderschön gewesen, mit extrem starkem Meeresleuchten, das bei fünf Knoten voller Fahrt, große, grünliche, hell-strahlende Kugeln im Kielwasser aufscheinen ließ, die wie Meteoriten die Spur meines Bootes hinter mir nachzeichneten. So etwas Faszinierendes hatte ich zuvor noch nie beobachtet. Vor dem Wind war meine Bambusstange gebrochen, die ich zum Ausbaumen der Genua verwendete, aber das machte nichts. Als es hell wurde, war das Meer tiefblau mit großen Wellen und vor mir lag der rot-weiße Leuchtturm von Europa Point, der Südspitze Gibraltars. Ich leinte mich im Cockpit sicherheitshalber an, denn die Wellen wurden immer steiler. Ohne den starken Gezeitenstrom einzuplanen, rundete ich diese Landmarke und segelte in die dahinter liegende Bucht von Algeciras, wo zahllose Frachter auf Reede lagen und heftige Böen von der steilen Küste herunterpfiffen. In Gibraltar machte ich eine gelbe Flagge aus, die neben einer kleinen Baracke wehte. Dort wurde einklariert. Master of vessel? How many tons? Solche und ähnliche Fragen galt es zu beantworten, dann bekam man ein Papier ausgehändigt mit dem nostalgischen Vermerk: "The SYT Mer II whereof Mr. Friedl is the Master with nil crew and nil passengers arrived 19.8.1993 is admitted to pratique“. Alle Fahrtensegler legten damals bei Sheppards an. Das war der Treffpunkt; eine kleine Marina, ein Werftbetrieb und ein Ausrüstungsladen.

Bald schon nach meiner Ankunft stand ein älteres Ehepaar am Steg neben meiner Mer II und fragte mich nach dem Woher und Wohin. Schon nahmen sie den einsamen, spartanischen Segler aus purer Gastfreundschaft mit auf eine Tour durch ganz Gibraltar in ihrem Auto, zeigten mir unter anderem das Casino und erzählten mir von den Besonderheiten ihrer winzigen britischen Kronkolonie. Auch zu ihnen nach Hause war ich eingeladen, wo es delikate Gurken-Sandwiches und noch mehr Proviant-Geschenke für die Weiterreise gab. Nach zwei Tagen am Steg ging ich vor Anker, denn damals gab es ein großes Ankerfeld in Gibraltar. Hier traf man auf allerlei Aussteigertypen und vor allem sah man interessante Boote und individuelle Yachten. Da war eine Shannon 28, was für ein Traum, so solide und von so hervorragender Qualität. Ann, eine Amerikanerin war damit einhand über den Atlantik gekommen. Sie zupfte an den drei Millimeter dünnen Wanten meiner Leisure 17 und fragte besorgt, ob das wohl für den Atlantik halten könne. Noch ein Boot hatte es mir angetan, eine überaus solide, ganz einfache 9 Meter lange Stahlyacht, Rundspant, professioneller Bau, wunderschön und so sicher. Sie stand zum Verkauf. Auch eine aufgegebene Pen Duick 600, das ist eine Art Microtonner aus Aluminium, lag abseits im Hafen. Ich setzte alles auf eine Karte, wechselte circa die Hälfte meiner Ersparnisse in britische Pfund, ging zum Friseur und machte mich abends voller Hoffnung auf zum Casino, das ich ja schon von außen kannte. Zweimal meinen Einsatz verdoppeln, das hätte für die 9 Meter Stahlyacht genügt. Doch das Glück war mir nicht hold, ich verlor meinen gesamten Einsatz! Nach diesem ernüchternden Fehlschlag, begann ich wenigstens meine kleine Leisure 17 zu verstärken, laminierte zusätzliche Bodenwrangen ein und stützte den Cockpitboden besser ab. Im Schaufenster der Yachtausrüster konnte man die ersten Epirbs bestaunen. Alles unerschwinglich teuer, genauso wie ein GPS, das zu dieser Zeit noch über 10 000 Mark kostete. Bei mir hatte es nur zu einem Sextanten, den HO-Tafeln und immerhin einer Rolex als Chronometer gereicht, wenngleich die teure Armbanduhr eine völlige Fehlinvestition war, denn wirklich genau ging die nie. Ein paar billige Quarzuhren wären viel besser gewesen.

Während man in Gibraltar vor Anker lag, hörte man nachts oft große Außenbordmotoren aufheulen und mit kreischender Maximaldrehzahl schoss irgendwo ein unbeleuchtetes Speedboot gefährlich knapp vorbei. Das waren die kleinen Phantoms, 7 Meter lange übermotorisierte GFK-Rennboote, mit denen Zigaretten geschmuggelt wurden. Meist kam dicht dahinter auch schon ein Polizeiboot angerast, von dem aus der grelle Strahl eines Suchscheinwerfers hektisch durch die Nacht stocherte. Die Schmuggler entkamen dann irgendwo an Land und das zurückgelassene Phantom mit dem noch glühend heißen Motor wurde beschlagnahmt. Mit den hochprofessionellen schwarzen Ribs jedoch, die nach Militärspezifikation aussahen, wurden die harten Drogen geschmuggelt. Jeder wusste das, die Frage war nur, ob die Ordnungskräfte über genug PS und Geschick verfügten, um die Gangster in flagranti schnappen zu können oder nicht. Mit 60 und mehr Knoten unbeleuchtet durch die Nacht zu rasen ist nicht ganz ungefährlich. Während meiner Zeit am Rock, wie Gibraltar auch genannt wird, kollidierten zwei Schmugglerboote und die Nachrichten meldeten mehrere Tote.

Viele Freundschaften mit anderen Seglern konnte ich während meiner drei Wochen in Gibraltar schließen. Neben Ann, die mich auf ihre Shannon einlud, und anderen Amerikanern auf einer Catalina 40, waren da noch Bruno aus der Schweiz, der sogar ebenfalls auf einer Leisure 17 unterwegs war, Woody aus Australien, der sich als Deckshand auf allerlei Segel- und Motorbooten verdingte sowie die kleine Französin, die sich jedesmal über den Namen meines Bootes kaputtlachte, denn das wenig schmeichelhafte Wortspiel, das sich bei der Aussprache von Mer II auf französisch ergibt, hatte ich bei der Namenswahl nicht bedacht. Merde! Heute kann ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass man damals ohne Handys, soziale Netzwerke und Messenger-Dienste viel mehr Kontakte knüpfen konnte. Einmal ging ich noch zum Postamt mit dem unvergleichlichen Gefühl spannender Erwartung, um die letzten Briefe, die für mich postlagernd eingetroffen waren, abzuholen, dann lichtete ich drei Wochen nach meiner Ankunft den Anker und machte mich mit einem leicht nervösen Gefühl im Bauch daran, quer hinüber nach Marokko zu segeln.

Die Querung der Straße von Gibraltar im 5-Meter-Boot war eine gischtige Angelegenheit. Ich musste ungefähr 30 Grad vorhalten und machte doch kaum Süd gut, so stark versetzte mich die Strömung zurück Richtung Mittelmeer. Große schwarze Wale tauchten in der Mitte der Meerenge auf. Bei Alkazar näherte ich mich der afrikanischen Küste und arbeitete mich von dort mit reichlich Wasser über Deck nach Westen voran, bis ich Tanger erreichte. Wenige Tage später, segelte ich endgültig hinaus aus der Straße von Gibraltar, rundete das Kap Espartel, die äußerste Nordwestspitze Afrikas, an meinem Geburtstag und segelte im Atlantik nach Süden, wo mein kleines Boot in einer riesigen, an sich harmlosen, jedoch atemberaubenden Dünung zwischen den Wellen verschluckt wurde.

Als ich im Jahr 2000 das zweite Mal durch die Straße von Gibraltar kam, war ich mittlerweile zum Segel- und Bootsprofi geworden, hatte bereits mehrere Yachten in Kalifornien und England mein Eigen nennen dürfen und schon ganz gut Erfahrung sammeln können. Ich lebte jetzt an der italienischen Riviera und  arbeitete in meinem Beruf als Bootsbauer, war Hauptverantwortlicher für sämtliche Holzarbeiten bei großen Yacht-Restaurationen. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen. Den Preis von Gebrauchtyachten weltweit in Sekundenschnelle per Mausklick vergleichen zu können, war noch Zukunftsmusik. Da lag zum Beispiel eine Contessa 32 im Hafen von Porto Maurizio zum Verkauf. Wie begehrt und um wie viel teurer eine gebrauchte Contessa 32 in England war und dass es bei der dortigen Klassenvereinigung sogar eine Art Warteliste gab, das alles wusste der italienische Yachtmakler nicht – ich aber schon. Ich kaufte dieses Boot, segelte fast jeden Tag vor oder nach der Arbeit, oder beides, und beherrschte dieses hervorragende Klassenboot aus dem Effeff. Alle Spinnakermanöver mit sämtlichen Schikanen fuhr ich auf engstem Raum einhand und ohne Autopilot, so fix sprang ich in jüngeren Jahren zwischen Vordeck und Cockpit hin und her. Es war ein Heidenspass. Als ich dann den Job gekündigt hatte, war klar: Auf nach England, rund Gibraltar! Am 3. Januar 2000 segelte ich in Porto Maurizio los. Ein Profi segelt, egal ob Winter oder Sommer, so meine damalige Einstellung. Anstrengend war es trotzdem. In Gibraltar blieb ich nur eine Nacht, natürlich wieder bei Sheppards. Das Ankerfeld gab es bereits nicht mehr. Unter Spi rauschte ich durch die Meerenge, segelte zwischen den Untiefen von Cabezos und dem Land und ging diesmal im Atlantik auf Kurs Nord.

Bei der dritten Passage der Straße von Gibraltar im Jahr 2009 segelte ich nach einer Atlantiküberquerung von New York und über die Azoren kommend mit meiner überaus stäbigen Westsail 32 Gavdos X bei nebeligem Wetter vom Atlantik ins Mittelmeer. Bei Tarifa, dem südlichsten Punkt des europäischen Festlands, durchquerte ich die Säulen des Herakles. Der Motor streikte, aber was machte das schon, ich war auf einer echten Hochseeyacht und segelte einfach weiter bis Alicante.

Und jetzt, 2018, komme ich erneut nach Gibraltar. Wieder mit einer richtigen Yacht, meiner Seamoon. Früher hatte Gibraltar etwas Raues, viele abgestumpfte Gesichter sah man in den Straßen, wo es lauter Geschäfte mit zollfreier Elektronik und allem möglichen Ramsch gab. Heute herrscht in Gibraltar eine touristische Kreuzfahrtschiff- oder Casino-Atmosphäre. Sheppards als Marina gibt es nicht mehr, ankern kann man nicht mehr, geschmuggelt wird immer noch, heute meist Flüchtlinge auf kleinen Speedbooten oder sogar Jetskis.


  

Blick über die Straße von Gibraltar. Im Hintergrund ist der  Berg Dschebel Musa in Marokko zu sehen, der die südliche Säule des Herakles bildet.

Mit der Seamoon in den Atlantik


Freitag runde ich Europa Point. Die Strömung habe ich durch Zufall ganz gut erwischt, die am Europa Point nochmal anderen Gesetzen folgt als in der Straße von Gibraltar.


Samstag steige ich bei schönstem Wetter auf den "Rock".


Sonntag früh kann ich mich nicht aufraffen abzulegen. Laut Vorhersage gibt es Böen bis 30kn, ansonsten wäre das Wetter gut, wenn auch stark bewölkt. Ich ziehe die Decke über den Kopf und bleibe in der Koje.


Später streife ich dann umher, auch in Gedanken, gehe zu Fuß nach Linea hinüber. Dann fasse ich einen Plan: Da morgen starker Wind vorhergesagt ist und danach Westwinde die Ausfahrt durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik längere Zeit unmöglich machen, werde ich durch die Nacht segeln - und zwar heute Nacht! Da sollten die Winde mit nur maximal 20kn wehen. Ich bereite alles vor. Eine Nachtfahrt scheint mir die beste und vernünftigste Lösung zu sein.

Um 19Uhr, als es schon fast ganz dunkel ist - wir haben Dezember - und das Hochwasser in Gib 3 Stunden alt ist, hole ich mir eine Pizza Pepperoni zum Mitnehmen und mache die Leinen los. Von den verwunderten Blicken anderer lasse ich mich nicht beirren. Durch die pechschwarze Bucht von Algeciras steuere ich bei viel Schiffsverkehr nach Südwesten. Sollte ich doch ein ganz kleines bißchen Nervosität verspürt haben, als ich den sicheren Liegeplatz verlassen und mein Boot in die kabbeligen Wellen der Nacht hinaussteuerte, so ist diese Nervosität jetzt vollkommen verflogen. Meine Sinne sind geschärft, ich spähe vor und zurück, bin Meister meines Schicksals und fühle mich eins mit meiner Umgebung und in völliger Beherrschung meines Bootes - auch ohne Radar und AIS.

Der Wind nimmt zu, ich binde ein Reff ins Groß. Da vorn ist das Feuer von Tarifa!


Genau um Mitternacht segelt Seamoon in den Atlantik! 22kn mit Böen von achtern, alles klappt perfekt. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Der Strom hilft sogar auch ein wenig mit. Um die Bajeta de Tierra und innerhalb der Cabezos-Untiefen geht es wie schon damals mit Concordia VII dahin. Gegen 5Uhr früh erreiche ich glücklich Barbate.


Montag entspannen in Barbate - Sonne - herrlich.


Dann segele ich weiter nach Cadiz.

  

Die Kanaren

An einem Nachmittag im Februar segelt Seamoon bei gutem Wind und Sonnenschein von Cadiz nach Süden. Gegen 19Uhr sinkt die Sonne unter den Horizont und später in der Nacht sind wir weit draußen bereits auf Höhe von Kap Espartel. Plötzlich ist Motorenlärm zu hören, ein unbeleuchtetes, schnelles Motorboot kommt rasch näher. Ich höre wie der Bug auf die Wellen schlägt, zu sehen ist absolut nichts. Das Boot rauscht vorbei, Kurs Nord, keine Piraten, Menschenschmuggler mit ein paar wenigen Flüchtlingen.


Am Morgen nach der zweiten Nacht liegt Casablanca voraus, doch dort im riesigen Hafen kann man nirgends anlegen. Damals mit Mer II habe ich lange in Casablanca gelegen. An alten Holzstegen mit einer Hütte befand sich der "Club". Bis in Casablanca die neue Beton-Marina mit Shopping Center fertig ist, bleibt nur das 13sm nördlich gelegene Mohammedia um einen Zwischenstopp in Marokko einzulegen.


Von Mohammedia segelt Seamoon wenig später nach Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria und La Gomera.


In Arecife auf Lanzarote legt man heutzutage in einer großen, modernen Marina an. An den Stegen rieselt eine Easy-Listening-Musik aus Lautsprechern. Doch diese Marina scheint sehr beliebt zu sein. Wie war es damals? Natürlich waren viel weniger Segler unterwegs, auf viel kleineren Booten. Man ankerte am Ende der Bucht, ein paar Stege an Land gab es auch. Als ich nach einer sehr schweren Überfahrt von Casablanca 1993 hier mit meiner Leisure 17 ankam, wie immer nur mit meinem Boxer- Bademantel mit Kapuze bekleidet, an Deck des winzigen Bootes stehend, erleichtert, diese Bucht ohne geeignete Seekarte oder irgendwelche anderen Unterlagen in sträflichem Leichtsinn gefunden zu haben, traf ich auf Patrick mit seiner Elzablou und viele, viele andere. Egi, sur ton bateau en robe de boxeur violette et passe montagne sur la tete quelle belle vision! quels beaux souveniers! Ja, für mich auch. Aber diese Zeiten haben sich einfach verändert. Das ist ja klar. Und ohne darüber jammern zu wollen, frage ich mich, wo dieser Unterschied im Wesentlichen liegt. Ein Aspekt ist die heutige 'Organisiertheit' von allem, man ist organisiert, muss es fast sein, man bucht seinen Liegeplatz und es entwickelt sich fast ein Gefühl von Dankbarkeit, wenn man einen bekommt, denn es gibt kaum Alternativen zu bezahlten Liegeplätzen. Man braucht auch eine Yachtversicherung! Das ist überhaupt ein Thema für sich. Ohne Versicherung kommt man in so gut wie keine Marina mehr überhaupt hinein! Meine erste Yachtversicherung habe ich gezwungenermaßen 2010 abgeschlossen, bis dahin durfte, wer wollte, noch die volle Verantwortung für sein Tun und Lassen mit einem Segelboot auf sich nehmen. Ja ok, eine Haftpflichtversicherung ist ja auch nicht so schlimm. Man kann trotzdem immer noch glücklich sein. - Papiere rattern im Marinabüro für Seamoon aus dem Drucker. Alles ist sehr adrett. Man bekommt einen Platz zugewiesen. Eigentlich wie auf einem modernen Campingplatz, denke ich. Mit einem Boot über die Meere zu segeln ist auch schon fast so leicht wie mit dem Wohnmobil zu vereisen. GPS und moderne Elektronik haben eine Quantensprung an Vereinfachung und Bequemlichkeit bewirkt. Ich sage mal etwas abfällig: Heute kann man mit etwas Fummelei auf einem Touch-Dings "navigieren" und sieht alles hübsch animiert in Echtzeit vor sich. Und, ist das schlecht? Nein, das ist toll - aber eben anders. Diese Unterschiede - und das ist das Entscheidende - wirken sich noch weit über ihren direkten Nutzen, über die Frage ihrer Sinnhaftigkeit oder über ihre Oberflächlichkeit hinaus aus. Die Art und die Intensität des Erlebens verändern sich! Verstehen Sie mich ein wenig?


  

Auf den Kanaren ist es besonders in den Bergen schön. Hier Gran Canaria mit dem Teide von Teneriffa am Horizont.

Inversion: An den Küsten ist es karg, in den Höhen dagegen oft wunderschön grün mit dem Duft von Blumen, Kräutern und Pinien.

Zu den Kapverden

Gut 800sm sind es bis zu den Kapverden, sobald man die weitreichenden Abdeckungen und Düseneffekte der Kanaren hinter sich gelassen hat. Jeden Tag nehme ich zum Training eine Mittagsbreite und bestimme die Länge aus zwei Sonnenschüssen mit gleichem Winkel. All das funktioniert gut und selbst mit meinem billigen Plastiksextanten erziele ich eine sehr gute Genauigkeit von ca. 2sm. Tagsüber ist es oft schwachwindig. In der Nacht kommt etwas Regen und Wind aus tiefen Wolken. Dann brist es mehr auf. Am frühen Morgen binde ich ein Reff ins Groß. Schönes Ozeansegeln, das Meer spaziert gleichgültig dahin, lauter kleine Schaumkronen reiten auf dem Ozean-Teppich. Die ersten fliegenden Fische tauchen auf und bald hängt ein kleiner Bonito an der nachgeschleppten Angelleine. Etwas Salz, Knoblauch, Zitrone - mehr ist nicht nötig. Fantastisch!


Seamoon segelt nach Palmeira und Santa Maria auf Sal, nach Sal Rei auf Boavista, nach Praia auf Santiago und nach Faja de Agua auf Brava.


Das sind alles Ankerplätze. Nur in Praia schummele ich das Boot in den wilden, kleinen Fischerhafen, da die Polizei warnt: "Vor Anker ist es gefährlich, nachts schwimmen hier Männer zu den Booten raus und rauben dich aus. Aber du musst keine Angst haben, die haben nur Messer, keine Pistolen." Ach so, naja dann... Jetzt verstehe ich auch, warum hier kein einziges anderes Boot bis auf einen großen, spanischen Katamaran ist und der hatte das Privileg bereits letzte Nacht ausgeraubt zu werden, während die Besatzung schlief, wie ich erfahre. Darauf habe ich keine Lust und mache wie gesagt längsseits im übervollen Fischerhafen fest.

  

Selten, aber es gibt noch Fischerboote ohne Motor.       Sal Rei auf Boavista.                                                         Cidada Velha, Santiago.

    Die Straße ist eine Bühne, voll Alltäglichem, voll Poesie: Auf dem "Plateau" in Praia zu Klängen der Morna, Musik der Kapverden.

ATLANTIKÜBERQUERUNG

Brava ist der südwestlichste Punkt, ein ganz kleines Eiland, der Kapverden. Von hier darf man die Kapverden eigentlich gar nicht verlassen, da man nur auf den drei großen Inseln Santiago, Sal und Mindelo ausklarieren kann. Ein typischer Fall unnötiger Bürokratie, wenn Sie mich fragen, und deshalb denke ich gar nicht daran, mich an diese Vorschrift zu halten, die den Seglern einen so schönen Absprungspunkt verwehrt. Dem Beamten in Brava sage ich natürlich, dass ich als nächstes hinauf nach Mindelo segeln werde.. hoppla, da hat mich der Passat wohl etwas vom Kurs abgebracht - sorry, nächster Halt Karibik. Gut, dass diese Beamten keine Ahnung vom Segeln haben, sonst hätte er mir niemals geglaubt...


Aber um lästige Vorschriften soll es nicht gehen - obwohl sie oft die Erlebnisse der Fahrtensegler ganz entscheidend bestimmen, meist das erste nach Ankunft und das letzte bei Abfahrt sind, was es zu erfüllen gilt und stets für Gesprächsstoff sorgen. Um was soll es denn gehen? Es soll um die Überquerung des Atlantiks, dieses Hinübersegeln zur anderen Seite, zum amerikanischen Kontinent, dieser alte Klassiker seit Kolumbus, um diesen Reiz soll es gehen. Und das war für mich auch die Hauptmotivation nochmal ein Boot zu kaufen, hierher zu kommen und noch einmal von Brava auf eigenem Kiel abzustoßen, um mit dem Passat im Rücken diese vermeintlich angenehme, warme Ozeanüberquerung zu segeln. Diese Reise habe ich von Anfang an als One-Way-Törn geplant, mit dem Gedanken Seamoon in den USA wieder zu verkaufen. Jetzt rollt mein Boot also hier in der kleinen Bucht Faja de Agua, dem letzten Außenposten, und zieht an seiner Ankerkette. Die offene Bucht bietet nur wenig Schutz, nur drei weitere Boote machen in diesen Tagen hier Station. Ein Zurück gibt es nun nicht mehr, von hier geht's hinüber. In den letzten Jahren herrschte große Dürre auf Brava, es hat kaum geregnet, weshalb die Vegetation stark zurückgegangen ist, wie ich erfahre, denn dieser Unterschied zu früher ist mir sofort aufgefallen. Ansonsten scheint sich im letzten Vierteljahrhundert nicht viel auf der kleinen Insel getan zu haben. Abgesehen davon, dass der Ort heute über Internet und den zuvor erwähnten Grenzbeamten verfügt, gibt es immer noch so gut wie nichts in Faja de Agua. In der einzigen Bar kann man ein Bier trinken und, falls vorhanden, etwas zu essen bekommen, ansonsten besteht dieses Dorf aus einer Reihe kleiner Häuser entlang der Küste, die einen schläfrigen Eindruck in der meist diesigen Luft der Kapverden machen, während draußen vor der Bucht der Wind pfeift und die Wellen türmt.


Ob der Wind bei der Überfahrt mal etwas stärker oder schwächer weht, ob die Überfahrt zwei Tage mehr oder weniger dauert, all das ist im Grunde egal. Der Wind kommt schon immer von achtern, nur bei den dunklen, tiefhängenden Wolken muss man sich auf kräftige Böen einstellen. Ob man die Großkreisroute (Orthodrome) oder nach fixem Kompasskurs (Loxodrome) steuert, interessiert nur einen ahnungslosen Pedanten, denn auf 15 Grad Breite beträgt der Unterschied bis in die Karibik gerade mal 2sm. Mir geht es vielmehr darum, mich auf die Weite, auf die Distanz einzulassen, mich ihr in gewisser Weise auch auszuliefern, nachdem ich mich und mein Boot gewissenhaft so vorbereitet habe, wie es meiner Erfahrung entspricht. Ich möchte das Meer fühlen. An Bord ist alles ausgeschaltet. Na gut, das ist bei mir nicht viel. Ich habe kein Radar, kein AIS, keine Kurzwelle, kein Satellitentelefon, schon gar keinen Wassermacher, auch keine Solarzellen und keinen Windgenerator. Was ich ausschalte ist das GPS sowie Log und Windanzeige. Damit ist alles aus. Es genügt, nach Westen zu steuern. Die Windfahne hält lautlos Kurs, einmal am Tag bestimme ich meine Position mit dem Sextanten. Ich werde das GPS nach ein paar Tagen auch mal wieder einschalten, denn es geht mir nicht darum, irgendetwas zu beweisen oder eine trotzige Veweigerungshaltung einzunehmen, das wäre albern, sondern um das Abschalten im übertragenen Sinn, das Ablegen, das Sich-Freimachen. Himmel, Wind, Meer und das Boot. Wolken, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Mondaufgang, Monduntergang, manchmal ein Fisch an der Angelleine, sonst gibt es nicht viel. Nachts schalte ich meist die Navlichter ein, weil es einfach so eine Gewohnheit ist. Ich schlafe im 20-Minuten-Rhythmus, sodass ein potenzieller Kollisionspartner meinen Rundumblicken eigentlich nicht entgehen kann. Wieder einmal stelle ich diese Lethargie fest, wie sie typisch ist, wenn man stundenlang in die hohen Wellen blickt. Ich habe mal gelesen, dass es sich dabei nicht nur um eine allgemeine Erschöpfung handelt, sondern dass die Schaukelei ähnlich wirkt wie bei einem Kind, das stundenlang auf einer Schaukel sitzen kann, wie bei einem Baby, das im Schaukelbett einschläft, ja, wie bei einem ungeborenen Baby, das in seinem paradiesischen Zustand im Mutterleib mitschaukelt. Vielleicht, scherzhaft gefragt, segeln wir ja deshalb so gerne? Weil es uns unbewusst an diese allererste paradiesische Unschuld erinnert. Jedenfalls sind die Effekte des Schaukelns bestimmt noch nicht zur Gänze erforscht. Für andere ist es dagegen der reinste Horror und sie werden seekrank ohne sich wirklich dagegen wehren zu können. Diese Unglücklichen können einem nur leid tun. Sie werden je nach Schwere dieser Bewegungskrankheit zunehmend aphatisch, was auf dem Meer extrem gefährlich sein kann. Zum Glück wurde ich als Kind dagegen geimpft. Als mir im Alter von 11 Jahren auf einem röhrenden, kleinen Postboot von Kreta zur Insel Gavdos einmal so richtig schlecht geworden war, muss ich Antikörper für eine lebenslange Immunität entwickelt haben. Im Gegensatz zur gefährlichen Aphatie gleicht das lethargische Gefühl einer inneren Zufriedenheit, wenn in der menschenleere Weite des Ozeans vieles an Wichtigkeit verliert. Ähnlich, nur stärker, wie beim Blick in einen tropischen Nachthimmel und dem Zauber der noch nie so zahlreich gesehenen Sterne in ihrer Unendlichkeit.


Trotz dem romantischen Zauber ist nicht alles nur Idylle. Ich gebe zu, dass es auch bei mir einen Punkt gibt, der da draußen für Anspannung sorgt. Denn wenn ich in die Wolken blicke, dann lassen mich diese unglaublichen, in den Himmel wachsenden Riesentürme, die diesige Luft mit geringer Sichtweite, die unnatürliche Wärme des Windes, die Feuchtigkeit und das Badewannen-warme Meerwasser regelrecht fühlen, mit welch unglaublicher Energie die Atmosphäre fast bis zum Bersten vollgesogen ist. Selbstredend segelt man zwischen Ende November und Mai, außerhalb der Hurrikansaison, auf der Passatroute über den Atlantik, aber durch den Klimawandel wird die Wahrscheinlichkeit eines Hurrikans im Winter immer größer. Das ist nicht erforscht, wie auch, es handelt sich um eine jetzt eintretende Veränderung. Bis jetzt haben sich die Hurrikans erstaunlich zuverlässig an das Ende ihrer Saison gehalten. Ausreißer gab es unter den Hurrikans schon immer. Im Dezember kam es, seit es Aufzeichnungen gibt, zu insgesamt 17 tropischen Stürmen im Atlantik, den letzten Hurrikan im Monat Januar gab es 2016. Zu befürchten ist, dass sich diese Ausreißer häufen könnten. Und das macht mir während der ersten Hälfte der Überfahrt tatsächlcih etwas Sorgen, wenn ich in diesen schwül-heißen, vor Energie förmlich überlaufenden Wolkenhimmel blicke. In diesen Momenten wünsche ich mir dann doch den "Full Monty" an Bordelektronik: Laptop mit Internetverbindung, Grib-files, Telefon, na alles halt, was es so bequem macht und was die blöde Ungewißheit auflöst. Aber du wolltest dich ja für das "Echte" und das "wie früher" entscheiden, das hast du jetzt davon, höre ich mich selbst schimpfen. Na, wird schon nicht gleich das Allerschlimmste passieren, sage ich mir schließlich und lege mich auf die Salonkoje an Backbord, wo man so unverschämt ruhig, leise und friedlich dahinschaukelt.  


Auch Faktisches gibt es zu berichten: Wie vielen Schiffen bist du begegnet? Antwort: Einem koreanischen Fischer, ca 60 Meter lang, mitten auf dem Atlantik. Zwei Segelyachten, weit entfernt und erst bei Annäherung an die Karibik. Die höchsten Wellen? Vier Meter. Der stärkste Wind? ca. 33 Knoten. Wie viel Meeresleben sieht man? Sehr wenig. Wie viel Müll sieht man? Überhaupt kein Stück Müll oder Treibgut gesehen. Ich will die Verschmutzung der Meere in keinster Weise in Abrede stellen, sie ist massiv und fürchterlich in ihrer Auswirkung, aber diese Beobachtung ist trotzdem wichtig, um mehr von der Realität zu kennen. 2000 Seemeilen über den Atlantik gesegelt ohne ein einziges Stück Müll zu sehen!


Mit Annäherung an die karibischen Inseln tauchen immer mehr Vögel auf und als Seamoon auf den letzten Meilen durch die blauen Wellen stürmt, jagen unzählige Vögel nach fliegenden Fischen, stürzen sich ins Meer, verfehlen meist ihr Ziel, tauchen wieder auf und stürzen sich erneut in die Jagd, dass eine herrliche Vitalität ausbricht, so ein Leben, so viel Action, dass auch der Skipper mitgerissen wird und unkontrollierte Jubelschreie ausstößt. Dann nähert man sich der ersten Insel, wo das Auge wieder grüne Vegetation, andere Boote, Bäume, Häuser, Autos, Menschen - ungefähr in dieser Reihenfolge - erblickt und man nicht anders kann, als glücklich zu sein.


 


 

Karibik, Bahamas, USA

Wunderbar ist es, von einer Insel zur nächsten durch die Karibik zu segeln. Nach der langen Strecke Hochseesegeln über den Atlantik ist alles easy. Die Distanzen sind kurz, man segelt im Grunde von einem geschützten Lee zum nächsten, denn nur zwischen den Inseln weht der Passat kräftig, während im Windschatten jeder Insel das Wasser glatt ist und so viel Zeit zum Entspannen bleibt, wie man möchte. So hangelt sich ein Segelboot am kleinen Antillenbogen hinauf oder hinunter. Da für mich das Ziel die USA ist, segele ich von St. Lucia nach Norden: Martinique, Dominica, Guadeloupe und Antigua, von wo es erst nach einer längeren Segelpause und dann unter den Bedingungen der Corona-Pandemie weitergehen kann. Jede neue Insel bedeutet jetzt einen PCR-Test, Gesundheitsvisa, Online-Registrierung etc. Ich segele nach St. Barth, zu den amerikanischen Jungferninseln und dann zur großen Antilleninsel Puerto Rico. Von hier verlasse ich die Karibik zumindest geologisch gesehen, denn die Passage von drei Tagen zu den Turks & Caicos Inseln führt über den Tiefseegraben am nördlichen Rand der karibischen Platte. Die Turks und Caicosinseln zählen geologisch bereits zu den Bahamas und zusammen bilden sie die Lucayischen Inseln. Diese sind allesamt Koralleninseln, während die Inseln der Karibik vulkanischen Ursprungs sind. Es ist faszinierend, denn nicht nur die Inseln sind ganz flach, auch der Meeresboden liegt manchmal nur noch wenige Meter unter der Wasseroberfläche und das auf riesigen Flächen, den sogenannten Bänken. Die Mouchoir Bank und die Silver Bank sind mit über 900 bzw. über 1600 Quadratkilometern riesige Unterwasser-Plateaus ohne Land. Rings um diese türkis im Meer leuchtenden Bänke fällt der Grund steil auf große Tiefen ab. Ich war noch nie zuvor hier und es würde mich interessieren, wie sicher oder unsicher der Seegang auf diesen Bänken ist, aber ich bleibe in respektvoller Entfernung. Dort wo die Bänke bis über die Wasserfläche reichen und Inseln wie die Turks und Caicos oder die Bahamas gebildet haben, segelt man häufig über ausgedehnte Flachwasser, aber die Bänke, die mitten im Meer liegen, haben ja nirgends Schutz vor der Dünung.


Oft bin ich selbst überrascht, wie es mir auf meiner Seamoon gefällt, ja wie begeistert ich noch sein kann. Alles ist da, was man braucht und es ist immer wahnsinnig gemütlich unter Deck und im Cockpit. In den Niedergang blicke ich abends wie in ein kleines schwimmendes, schön beleuchtetes Wohnzimmer hinunter. Zum Beispiel segele ich hoch am Wind von Guadeloupe nach Antigua, wo ich im Dunkeln in den verschlungenen, noblen Naturhafen English Harbour einlaufe, den Anker werfe, noch so viel Energie habe, das Beiboot an Deck aufzupumpen, alles bereitzumachen und an Land zu eine Bar tuckere, mich an den Tresen setze, etwas zu essen und zu trinken bestelle und nur staunen kann. Hier bist du einfach so angekommen, keiner weiß, wo du bist, frei und umsonst liegt dein Boot dort hinten vor Anker und später gehst du zurück an Bord und hast ein Zuhause! Irgendwie gibt mir das ein Gefühl von Unwahrscheinlichkeit, so als hätte man allem ein Schnippchen geschlagen.

Oder mein Kurs führt mich den wie Perlen an einer Kette aufgereihten Inseln der Exumas entlang, durch eine Passage segele ich auf die westliche Seite, wo auf der Exuma-Bank alles flach und geschützt ist, werfe den Anker und schwimme zu einem kleinen Sandstrand einer ebenfalls kleinen, unbewohnten Insel. Das Wasser ist so klar, dass man weiter als je zuvor sehen kann, der Sand ganz fein und sauber, kein Boot oder Mensch ist zu sehen. Das gefällt mir in dieser Zeit am besten: Allein in der Natur zu sein, unbehelligt, am besten mit nichts konfrontiert, was von Menschenhand geschaffen ist. Im Frühjahr 2021 ist nur ein Bruchteil der sonst üblichen Masse an Segelyachten unterwegs, die Kreuzfahrtschiffe fahren nicht.



Nun habe ich bereits zuvor über das bewusste Verzichten, über die geringe elektronische und sonstige Ausstattung meines Bootes, über das Abschalten der Geräte, über das trendige "Back to the roots", wenn man so möchte, geschrieben, alles mit dem Wunsch mich dem Wesentlichen zu nähern und mein Erleben intensiver, naturverbundener, ungewisser, echter und freier zu gestalten. Viele segeln mit noch viel weniger und mit viel kleineren, billigeren Booten um die ganze Welt. Das ist bewundernswert, mir geht es aber um den Verzicht mit Absicht und nicht um einen Verzicht aus Notwendigkeit. Denn nur sehr wenige segeln auf einer alten Nussschale, obwohl sie sich problemlos eine schöne Yacht ihrer Wahl leisten könnten. Um den Gedanken des bewussten Verzichts in aller Konsequenz zu führen, müsste man eigentlich direkt bei den finanziellen Mitteln ansetzen und sich auch dabei, falls nötig, freiwillig einschränken. Doch wer hält es schon mit Sterling Hayden, der in "Wanderer" verächtlich schreibt, dass ausreichend finanziellen Mittel eine Reise zur bedeutungslosen Routine werden lassen: ...you are doomed to a routine traverse, the kind known to yachtsmen who play with their boats at sea... "cruising" it is called. Voyaging belongs to seamen, and to the wanderers of the world... If you are contemplating a voyage and you have the means, abandon the venture until your fortunes change. Only then will you know what the sea is all about. - Nein, dem schließe ich mich nicht an. Das ist romantische Sozialkritik. Das Segeln, auch das Cruisen, ist immer noch eine wunderbare Sache. Vor allem zu zweit als Paar oder auch als Familie kann es eine spannende und erfüllende Form des Reisens sein. Was den Verzicht angeht, so liegt die Crux auch hier in der Mäßigung. Auf alles verzichten ist Unsinn, sich mit allem vollzustopfen tut auch nicht gut. In unserer Zeit wird es zunehmend darum gehen, nicht mehr alles, was möglich ist zu tun oder zu haben, sondern aus vielerlei Gründen eine bewusste Entscheidung zu treffen, auf was man verzichten möchte, mit der Betonung auf "möchte".


Als ich durch den Government Cut in den Hafen von Miami einlaufe, erscheinen Gedanken an Verzicht und Naturverbundenheit wie eine realitätsfremde Spinnerei. Hier qualmt es aus allen Rohren und die Menschen scheinen glücklich, solange sie nur Vollgas geben können. Die USA-typische Vitalität ist in jedem Bereich spürbar, jeder scheint angetrieben sich im fortwährenden Kampf des kapitalistischen Riesenrads durchzuschlagen. Das Geld muss laufen, ohne Cash-Flow ist der Betrieb verloren, Stillstand ist Niedergang. Manch einer triumphiert, ein anderer bleibt auf der Strecke. Auch als Segler merkt man schnell, dass es eine riesige Infrastruktur an Serviceleistungen aller Art gibt. Wer bei den im Vergleich zu früher völlig überzogenen Preisen mithalten kann, gut, der kann in die Marinas und so wie viele seinen Ruhestand mit "cruising" und "playing with their boat" verbringen. Es ist die totale Kommerzialisierung. Es ist auch hier eine Schere, die aufzugehen scheint und den Schnitt zwischen denen, die noch mithalten können und denen, die das nicht mehr schaffen, immer höher ansetzt.


Die vielen Menschen angeborene Sehnsucht nach dem Meer, nach einem Segelboot im freien Wind, nach Ferne und Abenteuer, diese Sehnsucht, die auch dem Ursprung allen Lebens im Meer geschuldet sein mag, die John F. Kennedy mit der identischen Salzkonzentration im menschlichen Blut wie im Meer romantisiert, diese Segel-Sehnsucht droht sich zunehmend in Regeln und Kommerz zu verstricken, sich durch immer mehr Absicherung und Über-Organisation zu entzaubern. Wenn Segeln mehr sein soll als nur eine gute Urlaubszeit, wenn Herzblut und Leidenschaft sowohl eingebracht als auch ausgefordert werden, dann muss eine Veränderung passieren, dann müssen die ausgetrampelten Pfade verlassen werden. Für mich soll jetzt erstmal Schluss sein mit dem touristischen Yachtsegeln. Mich fordert und reizt mein großer, verrückter Traum der Mittelmeer-Umrundung mit der Jolle mehr. Dem will ich mich weiter mit einfachsten Mitteln aussetzen und mich den Herausforderungen an den vor mir liegenden Küsten, vor allem aber Kulturen und Begegnungen stellen.

  

Ein kleines, starkes Boot unter Windfahne zwischen Mohammedia und Lanzarote, Wind, Wellen, nichts weiter...

Antigua

Gustavia, St. Barth

US Virgin Islands, St. John, Hawknest Bay

Turks and Caicos, Grand Turk

The incredible waters of the Bahamas

Sailing into Miami

Ende der Reise und Verkauf des Bootes in den USA

Bootsverkauf-Tipps für einen solchen One-Way-Törn in die USA


Wer ein Boot in die USA segeln und dort legal verkaufen möchte, muss es importieren. Bei einem amerikanischen Werftbau handelt es sich dann um einen Re-Import, was die Sache einfacher macht. Rechnen Sie in diesem Fall mit ungefähr 600 USD für die Einfuhr durch die Customs and Border Protection.


Wer so etwas plant, sollte vor allem zwei Dinge bedenken: 1. Das Boot sollte nicht älter als 20 Jahre sein. 2. Der Motor muss unbedingt einen EPA-Aufkleber oder Nachweis haben, dass er den EPA-Regulations entspricht. Das ist das Gleiche, wenn man ein amerikanisches Boot in die EU einführen möchte: Die Emissionswerte des Motors sind das Allerwichtigste! Ohne diesen Nachweis ist ein Import unmöglich!


Fair Winds und allzeit gute Fahrt


Egmont M. Friedl

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In der Mitte des Atlantiks